Lieben
Mit den Begriffen „Freundlichkeit und Fürsorge, Solidarität und Empathie, Verantwortungsbewusstsein, Gesprächsbereitschaft und Menschlichkeit“ fasst Daniel Schreiber in seinem vielbeachteten Essay „Liebe! Ein Aufruf“ (2025) eine Art der Zuwendung, die er nicht nur auf die privaten Beziehungen zwischen Menschen reduziert, sondern deren Notwendigkeit er vor allem auch im Umgang mit gesellschaftlichen Zusammenhängen einmahnt.
Er reagiert damit auf eine weltweite Tendenz zur Entsolidarisierung, zur Wiederkehr imperialer Politik und zum Abbau demokratischer Strukturen im Zeichen der globalen Ökonomisierung. In einer Zeit der Steigerung finanzieller Ungleichheit und der zunehmenden Missachtung ökologischer Bedrohungen, in der vielfach Hass und Spaltung statt gegenseitigem Verständnis und Respekt für das Andere den gesellschaftlichen Diskurs prägen, finden autoritäre Konzepte und ihre Feindbilder immer mehr Zulauf.
Dagegen ruft der Autor Theorien der Liebe in Erinnerung, wie sie etwa in Hannah Arendts Verständnis eines grundsätzlichen Miteinanders im Zeichen der Verbundenheit aller Menschen oder in Erich Fromms „Kunst des Liebens“ für den persönlichen, familiären und gesellschaftlichen Bereich entworfen werden. Liebe als „Bezug zu jemand anderem oder jemand außerhalb von mir selbst“ (Fromm) ist dabei nicht nur als die romantische Faszination für einzelne Personen, sondern als tätig geübte Liebe zum Nächsten, zum Leben und zur Natur zu verstehen.
Wenn unsere Welt als Abbild unserer individuellen Beziehungen gesehen werden kann, als Spiegel „unserer Art, wie wir auf Menschen zugehen“ (Schreiber), untersuchen die Autorinnen und Autoren der Rauriser Literaturtage 2026 gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich, mit dessen Vielfalt sie sich – immer wieder vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und politischer Voraussetzungen – beschäftigen, nicht zuletzt die Möglichkeiten und Bedingungen des Liebens als Grundlage für unser (Über-)Leben in angespannten Zeiten.
Manfred Mittermayer und Ines Schütz