Rauriser Literaturtage
Rauriser Literaturtage

Rauris. Literatur. Erleben.

01. Dezember 2011

Entspanne dich. Sammle dich. Schieb jeden anderen Gedanken beiseite. Mach lieber die Tür zu, drüben läuft immer das Fernsehen. Sag es den anderen gleich: ,Nein, ich will nicht fernsehen!' Heb die Stimme, sonst hören sie's nicht: ,Ich lese! Ich will nicht gestört werden!'



Die ersten Zeilen von Italo Calvinos Leseschnitzeljagd-Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht sind eine ernstgemeinte, wenn auch ironisch verpackte, vor allem aber atmosphärische Einladung zum Lesen. Gerade die Advents- und Weihnachtszeit kann so eine Einladung sein. Auch wenn die Vorbereitungen für die Rauriser Literaturtage schon ihren geschäftigen Gang nehmen, die Jury bereits über den oder die mögliche Preisträgerin befindet und Brita Steinwendtner durch die Tage eilt, um zu organisieren, Leute zu treffen, mit der Landesregierung und den Partner des Festivals zu verhandeln, soll doch Zeit zum Lesen bleiben. Das ist ja unser eigentliches Geschäft. Als Leseempfehlung für diesen Advent und sozusagen auch als Vorbereitung, wenn Sie so wollen, für die kommenden Literaturtage legen wir ihnen zum ersten Mal die Titel der shortlist zum Rauriser Literaturpreis 2012, sowie Neuerscheinungen unserer Raurisautoren ans Leseherz. Und vergessen Sie nicht, bis wir uns in Rauris wieder sehen, beim Lesen jeden Gedanken beiseite zu schieben, die Tür lieber zu schließen und, auch wenn Weihnachten ein Fest der Familie ist, ihre Leseexistenz zu behaupten: Ich lese! Ich will nicht gestört werden.


Shortlist zum Rauriser Literaturpreis 2012


Hier zum ersten Mal öffentlich gemacht: Die shortlist zum Rauriser Literaturpreis 2012, der für das beste deutschsprachige Prosadebut bei den Literaturtagen am 21. März vergeben wird. Familie, Zeitgeschichte, Politik und der menschliche Makel, so könnte man Beschreibungskategorien finden, die sich diesmal in fast allen Büchern finden lassen.

Maja Haderlap: Engel des Vergessens, Wallstein, Wien.

Peter Handke ist begeistert: „Maja Haderlap gelingt etwas, das man gemeinhin heutzutage für gar nicht mehr möglich hält: Sie erzählt die Geschichte eines Mädchens, einer Familie und zugleich die Geschichte eines Volkes. Erinnert wird eine Kindheit in den Kärntner Bergen. Überaus sinnlich beschwört die Autorin die Gerüche des Sommers herauf, die Kochkünste der Großmutter, die Streitigkeiten der Eltern und die Eigenarten der Nachbarn. Erzählt wird von dem täglichen Versuch eines heranwachsenden Mädchens, ihre Familie und die Menschen in ihrer Umgebung zu verstehen. Zwar ist der Krieg vorbei, aber in den Köpfen der slowenischen Minderheit, zu der die Familie gehört, ist er noch allgegenwärtig.“ Mit Lob wird Haderlaps Erzählkunst überhäuft. Die Vergabe des Ingeborg-Bachmann-Preises 2011 an Haderlap scheint Franz Haas von der NZZ nach der Lektüre des Debütromans erst richtig zu verstehen.

Peggy Mädler: Legende vom Glück des Menschen, Galiani, Berlin.

Knapp fünfzehn Jahre nach der Wende findet die junge Erzählerin im Nachlass der Großeltern ein Buch, das ihr Großvater zu einem Betriebsjubiläum geschenkt bekommen hat. Ein Fotoband von 1968, der "Vom Glück des Menschen" heißt, komponiert und betextet von Rita Maahs und Karl Eduard von Schnitzler. Die Anmaßung eines politisch verordneten Glücks empört die Enkelin. Wie kann ein Staat auf die Idee kommen, seinen Bürgern vorzuschreiben, wie sie glücklich werden? Anhand weiterer Fundstücke aus dem Nachlass beginnt sie zu rekonstruieren, wie sich ihre Großeltern kurz vor dem Zweiten Weltkrieg kennenlernten, heirateten und sich nach dessen Ende fast wie Fremde wieder gegenüberstanden, wie ihr Vater und ihre Mutter sich in der DDR kennenlernten und durchschlugen und wie sie, die Erzählerin selbst, und ihr älterer Bruder die Wende und die Zeit danach erlebten. Ungewöhnlich und faszinierend schreibt das Feuilleton.(aus: Perlentaucher)

Martin Mandler: 23 Tage, Luftschacht, Wien.

Seine Beziehung zu Laura ist prekär geworden, sie steht kurz vor dem Zerbrechen. Sie hat ihn zurückgelassen. Nicht verlassen, das wäre zu einfach. Laura geht nur für 23 Tage nach London. In die Stadt ihres Lebens vor ihm. In die Stadt ihrer Liebe vor ihm.
23 Tage erzählt von Sehnsucht und Suche nach Zerstreuung. Von 23 Tagen voller Hoffnung, Zweifel und falschen Gewissheiten. Vom ständigen Gefühl, zu klein für das eigentliche Leben zu sein. Nicht stark und erfolgreich zu sein, sondern unterlebensgroß: unfähig, es im Leben zu etwas „Wesentlichem“ zu bringen. (Verlagsvorankündigung Luftschacht.)

Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts, Rowohlt Reinbek.

Von den Jahren des Exils bis ins Wendejahr 89 und darüber hinaus reicht diese wechselvolle Geschichte einer deutschen Familie. Sie führt von Mexiko über Sibirien bis in die neu gegründete DDR, führt über die Gipfel und durch die Abgründe des 20. Jahrhunderts. So entsteht ein weites Panorama, ein großer Deutschlandroman, der Geschichte als Familiengeschichte erlebbar macht.
Der Gewinner des deutschen Buchpreises 2011 besteche vor allem durch die Fähigkeit, Tempo, Schnitt und Pointe, Figuren und sichere Dialoge souverän zu handhaben, um dieses "Großprojekt" in den Griff zu kriegen. Eine eindrückliche Leseerfahrung ist das Buch für Angelika Overath von der NZZ, das die Vergänglichkeit von Zeitgeschichte, politischen Systemen, Familie und schließlich auch des Individuums thematisiert.

Ursula Timea Rossel: Man nehme Silber und Knoblauch, Erde und Salz, bilgerverlag, Zürich.

Für Lothar Struck ist Man nehme Silber und Knoblauch, Erde und Salz artifiziell und ambitioniert, verspielt und streng, burlesk und trocken, polyglott und bodenständig. Da schreibt eine intelligente Autorin mit einem jetzt schon unverwechselbaren Sound. Der große Peter von Matt hat recht: "Es pfeift einem um die Ohren wie ein plötzlicher Passwind". Ursula Timea Rossel schafft es, das Märchenhafte und Skurrile nicht bloß auszustellen und als Effekt zu inszenieren, sondern zu erzählen (statt nur zu fabulieren).“ In der Verlagsankündigung des Bilgerverlags heißt es zu diesem Buch: „Wigands Lebenspartnerin Sibylle Blauwelsch wird von der Zeit durch immer neue Metamorphosen gepeitscht, lebt unter Guerilleros im mittelamerikanischen Dschungel, züchtet Rennkamele in der arabischen Wüste, macht Jagd auf den Schneelöwen und strandet als schwarzafrikanischer Flüchtling im Land der Berge und Zeiger. Es werden in diesem Buch so einige Laufkilometer Stoff besungen, und nur selten passt orientalischer Brokat zum schottischen Tweed. Wenn hier etwas verbogen wird, dann Zeiträume und Raumzeiten. Man erfährt endlich, wo Atlantis liegt, hört von der Globuskrankheit, von Schrebergärten, Expeditionen und Schneckenversuchen.“

Christoph Schwyzer, Wenzel, Wallimann Verlag, Zürich.

Wenzel lebt allein in einer Altbauwohnung am Rand einer mittelgroßen Stadt. Frühmorgens geht er zu Fuß zum Bahnhof, vorbei an Mülltonnen und Verkehrsampeln, befremdet über die durchorganisierte Welt und fasziniert von der unerschöpflichen Vielfalt der Menschen. Vor dem Schaufensterseiner Lieblingsbuchhandlung bleibt er einen Augenblickstehen: Er denkt an die Arbeit im weit entfernten Großraumbüro und an seinen verrückten Wunsch, Schriftsteller zu werden. Fährt er abends mit dem Pendlerzug wieder nach Hause, nimmt er sich vieles vor, schreibt dann aber in seiner hellhörigen Wohnung bloß ein paar Zeilen ins Tagebuch. Die Einträge sind Zeugnisse eines Suchenden, der aus dem Fragen nie herausfindet und im Zögern sein Heil sucht. (Verlagsankündigung)

Jens Steiner: Hasenleben, Dörlemann Verlag, Zürich.

„Kreislauf ohne Ausweg: Jens Steiner hat es mit seinem Debütroman „Hasenleben“ auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Darin leuchtet der Schweizer Autor nüchtern kühl das Unglück einer Kleinfamilie aus.“ Rezensentin Pia Reinacher von der FAZ begreift das Romandebüt des Schweizer Autors und Lektors Jens Steiner als "Sozialstudie". Es geht darin um eine orientierungslose junge Frau und ihre zwei Kinder. Eine Vaterfigur fehle vollkommen, die Mutter sei hoffnungslos überfordert und die Kinder blieben sich selbst überlassen.

Novitas


Außerdem empfehlen wir zur weihnachtlichen Lektüre oder als Geschenk unter den Baum des Lesens folgende Titel- eine kleine Auswahl von Neuerscheinungen unserer Rauris-Autoren:

Josef Haslinger, Jachymov, S.Fischer 2011
Peter Henisch, Großes Finale für Novak, Residenz 2011.
Josef Winkler, Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär oder Die Wutausbrüche der Engel, Suhrkamp 2011.


Positionen


** Die Heinrich-Heine-Gesellschaft ehrt Dzevad Karahasan. Seit 1965 vergibt die Heine-Gesellschaft in unregelmäßigen Abständen die undotierte Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft als Literaturpreis. Sie besteht aus dem bronzenen Buchobjekt Die Schere der Zensur von Bert Gerresheim. Der bosnische Schriftsteller ist seit 1993 mit den Rauriser Literaturtagen besonders verbunden.
** Alois Hotschnig wird mit dem Radiopreis der Erwachsenenbildung für sein Hörspiel "Die kleineren Reisen" ausgezeichnet. 2011 in Rauris zu Gast, stand Alois Hotschnig neben seinen Lesungen auch vom Innsbrucker Arbeitskreis der Studierenden Rede und Antwort.

Agenda

  • Di, 06.12.2011, 20 Uhr, Literaturhaus Salzburg, Klemens Renoldner liest aus seinem in Rauris vorgestellten Erstling Lillys Ungeduld.

Kategorie: Rauris
Geschrieben von: David Pernkopf