Die Literaturtage 2015

Mittermayer-Schuetz

MEHR.SPRACHEN



In der biblischen Erzählung vom Turmbau zu Babel haben die Menschen „die gleiche Sprache und gebrauchen die gleichen Worte“ – und schon wollen sie zu hoch hinaus. Sie möchten nicht nur den berühmten Turm errichten, sondern, wie es in der Bibel heißt, sich auch „einen Namen“ machen. Was folgt, ist bekannt: Die Sprachverwirrung zerstreut sie über die ganze Erde. Ohne dieses vorprogrammierte Missverstehen, so scheint es, wäre die Welt eine einfachere, wäre sie uns selbstverständlich. Aber selbst eine gemeinsame Muttersprache garantiert noch nicht, dass man auch die gleiche Sprache spricht.

Wenn uns die „eigene“ Sprache nur vordergründig Sicherheit gibt, so stellt eine neue Sprache unsere Welt auf den Kopf. „In jeder Sprache sitzen andere Augen“, schreibt Herta Müller. Und Esther Kinsky nennt das Erlernen einer Fremdsprache ein „Fremdsprechen“ der Welt, „denn mit dem neuen Namen, den man ausspricht, assoziiert sich auch ein neuer Anblick der Welt, ein neuer Aspekt der Dinge, der Farben, der Wahrnehmung von Zeit“. Es macht einen Unterschied, ob man eine Pflanze „Sonnenblume“ nennt oder, wie im Französischen mit „tournesol“ und im Italienischen mit „girasole“, ihr Hindrehen zur Sonne mit in den Blick nimmt. Ob das „Brot“ im Kopf je nach Sprache rund und dunkel, lang und weiß oder kastenförmig ist.

Bei den Rauriser Literaturtagen 2015 sind Autorinnen und Autoren zu Gast, die in zwei oder mehreren Sprachen leben und schreiben, die in Übersetzungen fremdsprechen. Lesungen und Gespräche mit ihnen zeigen, wie man die Welt aus den Augen verschiedener Sprachen sehen kann, wie Mehrsprachigkeit mit ihren vielen Namen uns erst ermöglicht, hinter vermeintlich Selbstverständliches zu schauen.

Manfred Mittermayer und Ines Schütz